Der Rosengarten - 2008/09            Hommage an Anne Frank, die am 12. Juni 2009 80 Jahre alt geworden wäre


ICH ERINNERE MICH, ALSO BIN ICH
Europa im Jahr 2008: Neonazis begeben sich als harmlose Jugendliche und Bürger getarnt auf Mitgliederfang, Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und gewalttätige Rechtsradikale drängen sich zunehmend in den Vordergrund, im Vereinigten Königreich fordern Arbeiter britische Jobs für Briten, ein spanischer Minister fordert seine Landsleute auf, in Spanien Urlaub zu machen, italienische Politiker rufen den ”Rumänen-Notstand„ aus: Ein immer unverhohlener Nationalismus und Protektionismus im Zeichen von Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit stellt die europäische Idee in Frage. Welchen Wert haben Frieden, Freiheit und Toleranz für die Generationen, die Krieg und Verfolgung nicht am eigenen Leib kennen gelernt haben und auch nicht mehr von ihren Eltern und Großeltern vermittelt bekommen? Kann es, um es mit Anne Franks Worten zu sagen, wieder von vorn anfangen?


Ich erinnere mich, also bin ich: Die Notwendigkeit dieser Erkenntnis entspringt aus der Aufarbeitung des dunkelsten und katastrophalsten Teils deutscher Geschichte und europäischer Vergangenheit. Man muss sich mit dem Grauen, das vom National- sozialismus ausgegangen ist auseinandersetzen. Nicht um sich selbst zu quälen, sondern um zu erkennen, dass die Fundamente der Bundesrepublik Deutschland und des heutigen Europas auch aus dieser monströsen Vergangenheit erwachsen sind.


Erinnern ist also in die Gegenwart gerichtet, wie Hajo G. Meyer, Überlebender von Auschwitz, schreibt: „Während es ungerecht ist, Verhältnisse und Menschen früherer Zeiten aus der Sicht der Gegenwart zu bewerten, ist es dagegen durchaus gerechtfertigt und manchmal sogar nützlich, heutige Verhältnisse und politische Ereignisse anhand historischer Erkenntnisse zu prüfen.”


Folglich wird die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des 2.Weltkriegs vor eine große Herausforderung gestellt. In wenigen Jahren wird es die Generation der Zeitzeugen nicht mehr geben. Durch direkte Kommunikation wird die Weitergabe der sehr verschiedenen biografischen Erinnerungen an Erlebnisse und Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus und des 2.Weltkriegs nicht mehr möglich sein. Als Quelle der Erinnerung bleiben dann schriftlich niedergelegte und in Bildern festgehaltene Zeugnisse. Wenn das Erinnern aber von der persönlichen Erfahrung abgespalten ist, hängt es von der nachkommenden Generationen ab, die Erinnerung aktiv und bewusst lebendig zu halten und in ihrem historischen Bewusstsein zu verankern. Diese kulturelle Leistung ist die Basis für jedes Handeln in der Gegenwart und in der Zukunft.


Eine Installation aus Rosen bietet einen neuen Raum zum Erinnern und für die Erinnerung. Zugleich ist sie eine Hommage an Anne Frank, die am 12. Juni 2009 80 Jahre alt geworden wäre.


Hundrich / Breuninger - 2008/09